Der Römerschatz von Straubing und seine Entdeckung.


Sorviodurum - so der römische Name von Straubing - war ein bedeutender Militärort an der raetischen Donaugrenze. In seinem Hinterland lagen ab dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. zahlreiche Gutshöfe, so genannte Villae rusticae. Unter ihnen ist die Villa rustica am Alburger Hochweg am besten erforscht.

Als auf ihrem Gelände im Oktober 1950 mit Bauarbeiten begonnen wurde, war nicht abzusehen, dass man hier auf einen der bedeutendsten römischen Funde in der Bundesrepublik stoßen würde. Am Nachmittag des 27. Oktober kam bei den Aushubarbeiten ein großer, umgestülpt im Boden liegender Kupferkessel zutage.
 „In unbezwinglicher Neugierde" - so der Fundbericht - „was wohl in dem Kessel enthalten sei, schlug man mit der Spitzhacke ein Loch hinein, und als man Bronzegegenstände darin erspähte, holte man eine Blechschere und erweiterte die Öffnung."
Die großen Bronzen - Gesichtshelme, Beinschienen, Rossstirnen, wurden zum Teil unter empfindlichen Beschädigungen aus dem Kessel geholt. Sie stellen den bis heute bedeutendsten Verwahrfund römischer Paraderüstungsteile im Gebiet des ehemaligen Imperium Romanum dar.
An weiteren Bronzegegenständen enthielt der Kessel noch mehrere Statuetten. Zahlreiche Eisengegenstände waren um ihn her um niedergelegt worden. Alle Fundstücke gelangten als Leihgabe des Landkreises Straubing-•Bogen an das Gäubodenmuseum.


GESICHTSHELME

Die in Straubing gefundenen Helme gehören zum Typ der zweiteiligen Gesichtshelme. Sie bestehen aus Gesichts- und Rückenteil, welche mit einem Scharnier verbunden waren. Die acht Helme lassen sich in zwei Gruppen teilen. Vier Gesichtshelme mit ihrer Frisur aus teils schneckenförmig gedrehten, teils zungenförmig gelegten Locken zählen zur so genannten hellenistischen Gruppe („Alexandertyp"). Ihr ist auch der mitgefundene eiserne Hinterkopfhelm zuzurechnen.
Die drei Gesichtshelme mit ihrer charakteristischen Spitzfrisur aus zahlreichen, um einen Mittelscheitel angeordneten Buckellocken, sind Vertreter der so genannten orientalischen Gruppe. Die Gesichtszüge sowie die ehemals an Wangen, Stirn und Mittelscheitel angelöteten Schmucksteine weisen sie als weibliche Masken aus.


BEINSCHIENEN

Der Fund umfasst fünf verzierte Beinschienen mit Knieschutz sowie ein einzelnes Knieschutzblech.
 Beinschienen (
ocreae)und Knieschutz waren durch ein Scharnier beweglich miteinander verbunden. Aus den vorhandenen Beinschienen kann nur ein zusammengehöriges Paar gebildet werden. Auf ihm sind in flachem Relief Herkules und Mars dargestellt.


ROSSSTIRNEN

Die Straubinger Rossstirnen sind dreiteilige Garnituren. Es kann eine Gruppe von großen Kopfschutzplatten, bei welchen Stirn, Nasenrücken und Backen bedeckt waren, von einer Gruppe kleiner Rossstirnen, bei welchen nur Stirn und Augen geschützt waren, unterschieden werden. Die Gruppe der großen Rossstimen ist durch fünf Exemplare und ein einzelnes Seitenteil, die kleine Gruppe durch zwei Stücke vertreten. Die kunstvoll gebildeten Augenschutzkörbe zeigen meist eine aus Dreiecken aufgebaute Durchbruchverzierung, bei zwei Exemplaren sind sie plastisch gestaltet.
 

Die Beinschienen und Rossstirnen sind zum Teil reich dekoriert. Als Hauptmotiv begegnet - bei der militärischen Verwendung der Stücke nicht verwunderlich - der Kriegsgott Mars. An weiteren, öfters verwendeten Motiven finden sich der Adler des Jupiter und die Siegesgöttin Victoria sowie Schlangen, Seewesen, Feldzeichen und Schilde. Die verschiedenen Darstellungen waren nicht willkürlich angeordnet, sondern einem Programm unterworfen, das heute nur schwer aufzulösen ist.

Technik und Werkstätten
Alle Rüstungsteile des Straubinger Schatzfundes wurden aus Messingblech gefertigt. Ihre Formen und plastischen Verzierungen bildete man durch Treiben heraus. Anschließend wurde der feinere Dekor gepunzt und graviert. Die runden Augenkörbe der Rossstirnen wurden auf der Drehbank abgedreht und ihre kunstvollen Durchbrüche mit Hilfe eines Meißels herausgeschlagen.
Eine weitere Schmuckwirkung erreichte man durch unterschiedliche Behandlung der Oberfläche. Sie kann bei den Straubinger Stücken noch sehr gut an zwei Beinschienen beobachtet werden. Der Untergrund der Schienen ist mit Weißmetall überzogen, von dem sich die erhabenen Reliefs - ursprünglich im Goldton des Messing - deutlich abheben. Diese differenzierte Oberflächenbehandlung wurde auch bei den Gesichtshelmen angewendet, wobei an den orientalischen Masken als zusätzliches Schmuckelement bunte Steine oder Glaspasten angelötet waren.
Ähnlichkeiten in Form und Dekor der Paraderüstungsteile lassen vermuten, dass es wohl Musterbücher gab, nach denen spezialisierte Handwerker die Stücke fertigten. Der Leiter einer solchen Handwerkergruppe hat sich auf einer Straubinger Rossstirn gleich zweimal verewigt. Auf ihrer Mittelplatte und am linken Seitenteil ist PR. MATERNI OFC. bzw PROCLI M. OFC. - Offizin des Proclus Maternus - zu lesen.
 

Sonstige Fundstücke


Gegenüber den Paraderüstungsteilen treten die anderen Fundstücke etwas in den Hintergrund. So enthält der Schatzfund noch sieben Bronzestatuetten mit den zugehörigen Sockeln, vier Sockel, deren Figuren verloren sind sowie etliche Eisengegenstände.
Die Statuetten waren ursprünglich in mehreren Lararien (Hausheiligtümern) aufgestellt. Die qualitätsvollste Arbeit ist ein tanzender Lar, der in der erhobenen Rechten ein Rhyton und in der linken Hand eine Omphalosschale hält. Laren waren die klassischen Schutzgötter des römischen Hauses und begleiteten das Leben der Familie bei allen großen Ereignissen. Eine weitere Statuette zeigt Amor mit Muskelpanzer und korinthischem Helm. Die vorgestreckte linke Hand hält eine Blüte, die als Kerzenleuchter diente. Aufgrund stilistischer Übereinstimmungen und gleicher Sockelgestaltung können vier Statuetten einer in Raetien tätigen Werkstatt zugewiesen werden.
Dargestellt sind ein weiterer Lar, ein Genius, Fortuna und Merkur.
Um den Kessel lagen zahlreiche eiserne Werkzeuge und Geräte sowie mehrere Waffen. Letztere wurden aus den Waffenkammern des Straubinger Kastells entwendet. Während die Lanzenspitzen und die Dolchklinge geläufige Stücke darstellen, verdient das spätlimeszeitliche eiserne Langschwert Beachtung. Es hat auf der Klinge, knapp unterhalb des Griffansatzes, eine Metalleinlage, die in äußerster Stilisierung die schwebende Siegesgöttin Victoria zeigt. Die übrigen Eisengegenstände wie Sägeblätter und Hufschuhe, der Flachskamm, Schlüssel und Beschläge sowie die Pflugscharen dürften zum größten Teil aus dem Gutshof stammen.
Text: Dr. Johannes Prammer
Bilder: K. Bunke

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